Henry VIII und Navigationsgeräte

Der Projekt- und Jugendkammerchor auf Chorreise nach Woodbridge,

 

Es ist 3 Uhr früh, alle sind mehr oder weniger wach, als wir uns in dieser milden Nacht am 26.04.2012 vor unserem grünen Reisebus treffen. Sobald alle sitzen und der Bus abgefahren ist, versucht jeder zu schlafen. In den vorderen Reihen gestaltet sich das ausgesprochen schwierig, da die Chorleitung mit dem Busfahrer angeregt über Navigationsgeräte und deren „Online-Services“ diskutiert. Was ein „Online-Service“ ist wissen wir immer noch nicht.

Um 7 Uhr wechselt irgendwo in Deutschland der Busfahrer und Hans-Werner steigt ein, der Kult-Busfahrer des Chores. Das Diskussionsthema ändert sich schlagartig. Nun werden „Frühstück bei Stefanie“-Folgen komplett rezitiert – leider trägt das zum allgemeinen Schlafpensum nicht unbedingt bei.

Um 11:30 erreichen wir den Hafen in Hoek van Holland, bis zur Abfahrt der Fähre sind es noch 3 Stunden. Diese 3 Stunden und einige der von Hans-Werner mitgebrachten Würstchen später befinden wir uns dann auf dem Aufenthaltsdeck der Fähre und laufen aus. Wir verlassen das europäische Festland und den grau behangenen Himmel Hollands, in Fahrtrichtung lächelt uns strahlend blauer Himmel entgegen. Das lässt hoffen! Die 6 Stunden Überfahrt vertreibt man sich mit Spielen, Essen, dem Schiffseigenen Kino oder Spaziergängen an Deck.

Im Zielhafen Harwich angekommen trennen uns noch eineinhalb erwartungsvolle Stunden Busfahrt auf der falschen Straßenseite von Woodbridge, unserem Bestimmungsort. Jeder freut sich, seine Gastfamilie kennen zu lernen, es ist 21 Uhr Ortszeit. Die Anspannung entlädt sich in lautem und nicht immer richtigem Singen, welches den Busfahrer bei Gewöhnung an den englischen Linksverkehr etwas sehr strapaziert. Dennoch erreichen wir Woodbridge sicher, die Einteilung in die Gastfamilien verläuft schnell, die Gruppe verteilt sich über dunkle Landstraßen auf kleine Ortschaften im Umkreis. Jeder freut sich auf sein Bett.

Der nächste Tag beginnt viel zu früh mit einer Probe in der Woodbridge School, zu welcher später der englische Chor hinzu stößt – die erste Begegnung bei Tageslicht. Hier leitet auch die englische Chorleiterin Claire Weston einen Teil der Probe, welche mit ihrer außergewöhnlichen und lebensfrohen Art den Chor zu dirigieren alle begeistert und in ihren Bann zieht. Als wäre das nicht genug geprobt wandert der Chor daraufhin durch das malerische Woodbridge zur St. Mary’s Church, wo er am Sonntag in einem Gottesdienst singen wird. Kurz geprobt, noch ein Gruppenfoto und zurück in die Schule – das ausgeprochen köstliche Mittagessen an der Woodbridge School wartet!

Nach dem Essen begibt man sich zurück in den Reisebus – ein Besuch in Framlingham steht an, um die dortige Burg, bzw. das, was davon übrig ist, besichtigen. Beim Rundgang über die Burgmauern fühlt man sich wie in alte Zeiten zurückversetzt, genau wie die restlichen Burgbesucher, welche sich beim Anhören einer gewagten Interpretation von „Pastime with good company“ (von Henry VIII. selbst komponiert!) wie auf einer Zeitreise gefühlt haben müssen.

Bald geht es aber auch schon zurück nach Woodbridge, wo uns die Gastfamilien wieder einsammeln. Denn der Abend ist laut Programm „frei mit Gastfamilien“ – das lässt Spiel für Interpretationen, denn von einem kollektiven Pub-Besuch bis hin zu tiefsinnigen Gesprächen über Unterschiede der deutschen und englischen Sprache ist alles dabei, so berichten Chormitglieder.

Am nächsten Tag geht die Reise nach einer weiteren kurzen Probe nach Cambridge, der berühmten Universitätsstadt mit den berühmten Universitätschören, z.B. den Cambridge Singers, wo uns Mr. Penny, unser fantastischer Organisator auf englischer Seite, eine Auftrittsmöglichkeit in der schönen Kapelle vom Queen’s College organisiert hat. Bevor wir die beeindruckende Akustik dort aber austesten können, begeben wir uns auf eine wegen mehrerer Staus gekürzten Stadtführung durch Cambridge. Am Abend des Tages bestreiten wir gemeinsam mit dem Chor der Woodbridge School ein sehr stimmungsvolles Konzert, welches nicht zuletzt wegen des beeindruckenden Raumes lange in Erinnerung bleiben wird.

Tags darauf, nach sehr später Rückkehr aus Cambridge, begleiten wir den Gottesdienst in der St. Mary’s Church von Woodbridge durch einige geistliche Chorstücke aus dem Repertoire, wofür beim darauf folgenden Kaffeetrinken von vielen Mitgliedern der Gemeinde anerkennende und dankende Worte erhalten. Nach dem Gottesdienst steht der komplette Tag zur freien Verfügung mit den Gastfamilien. Von vielen wird die Zeit genutzt, um nach Aldeburgh, dem langjährigen Wohnort des Komponisten Benjamin Britten, zu fahren und das dortige Meer, den Strand und original britische „Fish and Chips“ zu genießen. Der Abend wird in gemütlicher Atmosphäre beim britischen Barbecue oder daheim mit den Gastfamilien verbracht.

Am Montag beginnt der Tag um 9 Uhr früh an der Schule, da die Familien die Schüler ohnehin um diese Zeit dort hinbringen müssen. Die kommenden eineinhalb Stunden verbringen einige entweder im Unterricht mit ihren Gastgeschwistern oder beim Erkunden von Woodbridge auf eigene Faust – schließlich wollen ja noch Andenken und Postkarten für die Daheimgebliebenen besorgt werden. Pünktlich um 10:30 fährt der Bus in die gemütliche Stadt Bury St. Edmunds ab. In der dortigen Kathedrale – Bury St. Edmunds war nämlich die Hauptstadt der Grafschaft Suffolk, bis Ipswich diesen Posten übernahm – geben wir ein sehr stimmungsvolles Konzert in einer großen Kirche mit beeindruckender Akustik, Leider verirren sich nur wenig Zuhörer in die Kathedrale, die Aufnahmen sind dafür aber umso besser.

Da am Abend direkt ein weiteres Konzert ansteht lädt uns die Woodbridge School zu einem Mittagessen ein – standesgemäß in einer original englischen Pizza Hut. Deren Besatzung ist nicht nur etwas verwundert über eine ladenfüllende Gruppe von mehr als 40 Sängern, sondern wünscht sich direkt ein Konzert. In der Pizza Hut. Gesagt, getan: Fröhlich stimmen wir die „Banquet Fugue“ von John Rutter an, sehr zur Freude der Mitarbeiter und restlichen Gäste. Noch schnell ein Gruppenfoto mit den Mitarbeitern als Erinnerung geschossen, schon geht es zurück nach Woodbridge. Hier gilt es nun, ein wenig Zeit zu überbrücken, denn nicht alle Gastfamilien haben Zeit, uns vor dem abendlichen Konzert von der Schule abzuholen. Um 18 Uhr treffen wir uns schon wieder zu einer letzten Probe, das Konzert beginnt um 19:30 – für alle Stormarnschüler gefühlt eine halbe Stunde zu spät. Nach einem etwas mageren Besucherandrang in der Kathedrale ist dieser Saal nun aber gefüllt bis auf den letzten Platz, die Stimmung ist deutlich ausgelassener. Nach diesem letzten, musikalisch wie stimmungsmäßig hochwertigen Konzert treffen sich alle – Gastfamilien, Lehrer, Sänger ­– zu einem Sit-In in der Essenshalle, bei leckerem Hähnchenschnitzel, Sauerkraut und gutem englischen Wein. Aber leider ist, der Müdigkeit geschuldet, auch diese nette Runde nach einigen ausgelassenen Gesangseinlagen viel zu früh vorbei, die Nacht würde ohnehin viel zu kurz werden.

Und so ist es dann auch: Tränen auf beiden Seiten und einem letzten „Irish Blessing“ am Dienstagmorgen um 9 Uhr, bevor der grüne Autokraft-Reisebus mit Hans-Werner im Cockpit das Schulgelände der Woodbridge School in Richtung London verlässt.

Nach einer angemessenen Portion Londoner Stadtverkehr treten wir einen kurzen Stadtrundgang an, auf welchen etwa 2 Stunden Freizeit folgen sollten. Viel zu wenig, um ausgiebig zu shoppen, finden viele. Andere nutzen die Zeit, um den Straßenkünstlern am Covent Garden zuzuschauen oder um etwas Leckeres zum Essen zu finden.

Großstädte haben immer ihre Tücken: Wer hätte ahnen können, dass es zwei „Embankments“ gibt? Eines in Chelsea und eines an der Themse… Aber nachdem der Bus zum „richtigen“ Embankment gelotst worden ist, geht es um 17 Uhr Ortszeit in Richtung Harwich.

Heimreise. Nach einer sehr gemütlichen Nacht auf der Fähre nach Hoek von Holland dauert es eine Weile, bis man sich wieder an das Fahren auf der „richtigen“ Straßenseite gewöhnt hat. Die gesamte Rückfahrt verläuft ruhig, nur der ein oder andere kleine Stau stört den flüssigen Reiseverlauf. Am Autobahnrastplatz Dammer Berge musste leider noch Abschied von unserem Busfahrer genommen werden. Hans-Werner geht im Sommer in seinen wohlverdienten Ruhestand und wird keine weitere große Chorreise mehr begleiten.

Mit etwa einstündiger Verspätung finden wir uns im Bargenkoppelredder wieder, schon sehnlichst erwartet von unseren Familien.

 

Abschließend bleibt uns noch ein Wort des Dankes: an den englischen Chor, der uns sehr Stimmungsvolle gemeinsame Konzerte bescherte, an Claire Weston, die mit ihrer lebendigen und lebensfrohen Art die Proben versüßte, an John Penny, der alles vor Ort auf wohlbekannt brilliante Weise organisierte. Ein Dankeschön geht auch an die übrigen Sänger des hiesigen Chores, an Detlef und Hans-Werner, die uns sicher nach und von England brachten. Außerdem besonderen Dank an Frau Grellier, Frau Vetter, Frau Kursawe und Herrn Johannsen, die uns die Fahrt über geduldig ertrugen.

 

Was hat uns diese Fahrt gezeigt? Musik verbindet über Ländergrenzen hinweg. Und Musik knüpft Kontakte, die hoffentlich noch lange bestehen. Diese Chorreise wird sicher allen Beteiligten lange in guter Erinnerung bleiben,

 

„And until we meet again…“

Inga Kempfert und Merlin Steuer

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